Begriff
Blinder Fleck
Strukturell notwendig, nicht zufällig
Jede Beobachtung erzeugt zwingend einen blinden Fleck. Die Unterscheidung, mit der ich sehe, kann ich in demselben Moment nicht selbst sehen. Das Auge sieht nicht sich selbst. Der Gedanke denkt nicht sich selbst. Das ist keine Schwäche — es ist die Bedingung der Möglichkeit von Beobachtung überhaupt.
Im menschlichen Auge gibt es eine Stelle ohne Sehzellen — dort, wo der Sehnerv die Retina verlässt. Kein Licht, das auf diese Stelle fällt, wird wahrgenommen. Wir sind an dieser Stelle buchstäblich blind.
Was von Foerster an diesem physiologischen Faktum faszinierte, war nicht die Blindheit selbst — sondern dass wir sie nicht bemerken. Das Gesichtsfeld erscheint uns lückenlos. Das Gehirn ergänzt, interpoliert, erfindet. Und wir sehen nicht, dass es das tut.
Von Foerster nannte das einen »Mangel zweiter Ordnung«: Wir sehen nicht, dass wir nicht sehen.
Übertragen auf Erkenntnis und Kommunikation bedeutet das: Jeder Beobachter hat blinde Flecken — Bereiche, die für ihn unsichtbar sind, gerade weil er von dort aus beobachtet. Wer immer vom selben Standpunkt schaut, sieht immer dieselben Dinge — und übersieht immer dieselben Dinge. Er weiß es nur nicht.
Das ist keine Schwäche, die behoben werden kann. Es ist eine strukturelle Eigenschaft jedes beobachtenden Systems. Die Konsequenz ist keine Resignation — sondern Neugier. Andere Beobachter sehen, was ich nicht sehe. Der Dialog ist nicht Luxus, sondern epistemologische Notwendigkeit.
»Wir sehen nicht, dass wir nicht sehen.«
— Heinz von Foerster, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners
Was könnte in deiner Organisation gerade passieren — das du prinzipiell nicht siehst?