Begriff

Kybernetik zweiter Ordnung

Die Beobachtung der Beobachtung

Kybernetik erster Ordnung beobachtet Systeme. Kybernetik zweiter Ordnung beobachtet die Beobachter. Von Foerster fragte nicht nur: Was sehe ich? Sondern: Wie sehe ich — und was sagt das über mich? Der Beobachter wird Teil des Beobachteten. Die Kamera dreht sich um.

Die Kybernetik erster Ordnung beobachtete Systeme von außen. Sie fragte: Wie funktioniert dieses System? Wie wird es gesteuert? Der Beobachter stand dabei außerhalb — er war unsichtbar, neutral, vorgeblich objektiv.

Von Foerster stellte die entscheidende Gegenfrage: Und wer beobachtet den Beobachter?

Die Kybernetik zweiter Ordnung — die Kybernetik der Kybernetik — nimmt den Beobachter selbst ins Bild. Sie beschreibt nicht mehr nur Systeme, sondern die Systeme, die Systeme beobachten. Und weil jeder Beobachter selbst ein System ist, entsteht eine unauflösbare Selbstreferenz: Der Kybernetiker, der Kybernetik betreibt, ist selbst ein kybernetisches System.

Das klingt nach Kopfschmerz — und es ist tatsächlich unbequem. Denn es bedeutet: Kein Standpunkt außerhalb des Systems ist möglich. Wer beobachtet, ist immer schon Teil dessen, was beobachtet wird. Objektivität im klassischen Sinne gibt es nicht — nur verschiedene Beobachterpositionen mit verschiedenen blinden Flecken.

Von Foerster zog daraus eine ethische Konsequenz. Wenn ich nicht außerhalb stehe, dann bin ich verantwortlich für das, was ich sehe — und für das, was ich nicht sehe. Die Kybernetik zweiter Ordnung ist nicht nur eine Erkenntnistheorie. Sie ist eine Einladung zur Selbstreflexion.

»Ich soll, ich soll nicht« — statt »Du sollst, du sollst nicht«.
Das ist der Unterschied zwischen erster und zweiter Ordnung.

Mit welcher Brille schaust du gerade — und was siehst du deshalb nicht?